Zur Geschichte des Alten Bahnhofs

– aus dem Buch Heyerode 1356-2006 herausgegeben von der Gemeinde Heyerode –

Von 1911 bis 1968 durchquerte eine von Mühlhausen kommende und nach Treffurt führende Eisenbahn den Hainich, welche im Volksmund auch als „Vogteier Bimmel“ bezeichnet wurde. Durch die Anbindung an Mühlhausen sollte sowohl eine Verbesserung der Infrastruktur, als auch eine Verbesserung der wirtschaftlichen Lage erreicht werden.

Der Bau der Bahnstrecke von Mühlhausen nach Treffurt wies viele Besonderheiten auf. So musste von Treffurt bis Heyerode ein Höhenunterschied von 251 m sowie von Mühlhausen bis Heyerode ein Höhenunterschied von 225 Meter überwunden werden. Dies bedeutete, dass der größte Teil des An- und Abstieges der Gesamtstrecke von 31,79 Kilometer Länge mit einer Neigung von 1:40 ausgeführt werden musste und zahlreiche Dämme und Einschnitte bis zu einer Höhe bzw. Tiefe von 24 m von den Arbeitern zu bewältigen waren.

Neben den zahlreichen Erd- und Felsarbeiten galt es zudem, fünf Wegüberführungen und elf Wegunterführungen zu bauen. Das 50 Meter lange und drei Bogen enthaltende Viadukt in Heyerode bildet dabei das wohl bekannteste Brückenbauwerk, welches auf der Bahnstrecke von Mühlhausen nach Treffurt errichtet wurde. Die Arbeiten schritten zügig voran. Im Frühjahr 1910 mussten zwar noch zahlreiche Erdrutsche beseitigt werden, jedoch konnte man bereits im Sommer desselben Jahres mit dem Legen des Oberbaus beginnen.

Erneute Schwierigkeiten brachte die Anlage des Bahnhofes in Heyerode, dessen Lage unterhalb des Viaduktes erwogen worden war. Da viele Einwohner Heyerodes, darunter vor allem Bauern, Einwände erhoben, welche vom Bürgermeister, dem Schulzen Johann-Michael Henning, nicht entkräftet werden konnten, gelang es der Laubgenossenschaft Niederdorla, den Bahnhof auf ihr Grundstück in die Nähe der Waldgaststätte „Grenzhaus“bauen zu lassen. Neben den Einnahmen für das Bahnhofsgelände erhoffte man sich zudem finanzielle Vorteile durch eine Belebung und Ausweitung des Ausflugs- und Kurbetriebes der Waldgaststätte. Am 1. April 1911 war es endlich soweit, die Teilstrecke Heyerode-Treffurt wurde eröffnet. Genau zwei Monate später, am 1. Juli, folgte schließlich die Eröffnung der Gesamtstrecke, welche von Mühlhausen kommend nach Treffurt führte. 

Mit seinen 427 Meter bildete der Heyeröder Bahnhof den höchsten Punkt der gesamten Strecke und war zudem der größte und von seiner Lage her der schönste Bahnhof.

Der in Mühlhausen geborene Thüringer Eisenbahnautor Günther Fromm setzte sich in seinem Buch Treffurt und seine Eisenbahnen mit der Eisenbahnstrecke Mühlhausen-Treffurt auseinander. Ihm entnehmen wir bezüglich des Bahnhofes folgende Passagen:

„Gleis 2 war durchgängiges Hauptgleis und besaß einen Zwischenbahnsteig. Gleis 3 als Reisewegkreuzungsgleis mit Zwischenbahnsteig hat man nach 1945 ausgebaut, ebenso das Gleis 6 teilweise. Über die Gleise 4 und 6 wurde die große Holzverladerampe bedient. Gleis 5 war Freiladegleis an der Landstraße, an ihm war auch eine Gleiswaage installiert. Das zweigeschossige Empfangsgebäude mit hohem, ausgebautem und mit Biberschwänzen gedecktem Satteldach war ein Massivbau, erdgeschossig mit Travertin Bossen, Obergeschoss und Dachgeschoss mit Fachwerk verblendet. Der angebaute Fachwerkgüterschuppen hatte ein flaches Pappdach. In gleicher Konstruktionsform waren das kombinierte Abort-/Stallgebäude und das Bm-Magazin östlich der Landstraße ausgeführt.

Gegenüber den Gleisanlagen befand sich im Wald ein Tiefbrunnen mit aufgesetztem Pumpenhäuschen, der den Bahnhof mit Wasser versorgte. Die Bahnsteige hatten Kanten aus Altschwellen und -schienen, die Oberflächen waren mit Kies befestigt; zum Teil auch wie Rampen und Ladestraße gepflastert. Der Bahnhof war als einziger der Strecke mit Einfahrsignalen ausgestattet.“

Nach der Beendigung des Zweiten Weltkrieges und der Aufteilung Deutschlands an die Siegermächte führte die Strecke nicht mehr von Mühlhausen nach Treffurt, sondern endete bereits in Wendehausen, da der Zug vorübergehend 1,3 Kilometer Westdeutsches Gebiet durchqueren musste und die Gefahr von „Grenzgängern“ ernorm groß war. Letztlich wurde am 29. September 1968 die Stilllegung der Strecke beschlossen. In den Jahren von 1971 bis 1991 gehörte der ,,Alte Bahnhof“ mit Bungalowsiedlung und kleinem Schwimmbecken auf der Höhe des Hainichs zu dem Besitz der Westthüringer Kammgarnspinnereien Mühlhausen (WKS) und wurde als Ferien- und Urlauberheim genutzt.

Nach der Wende stand das Objekt lange Zeit leer.

Im Dezember 1996 gelangte das Objekt in den Besitz der Mühlhäuser Werkstätten für Behinderte. Nach einem mit viel Engagement und tatkräftiger Mithilfe von Mitarbeitern und der Bevölkerung erfolgten Um- und Ausbau, konnte der ,,Alte Bahnhof“ im September 1998 eröffnet werden. Etwa 20 Menschen mit Behinderungen führen nun unter fachlicher Anleitung ein Gästehaus, Restaurant und Kinderbauernhof.